KI grösser als Covid? Der Tweet, den 80 Millionen Menschen gelesen haben
- Nik Thomi
- vor 4 Tagen
- 5 Min. Lesezeit

Bild: x.com/mattshumer_
Ein einziger Post auf dem Kurznachrichtendienst X. Über 80 Millionen Aufrufe. Matt Shumer, CEO des KI-Startups HyperWrite, hat vergangene Woche einen 5'000 Wörter langen Essay mit dem Titel «Something Big is Happening» veröffentlicht – und damit eine der grössten Debatten ausgelöst, die das Internet in jüngster Vergangenheit gesehen hat. Sein Kern-Statement: Wir befinden uns gerade im «Das ist doch übertrieben»-Stadium von etwas, das grösser wird als Covid. Die einen nennen den Artikel Pflichtlektüre. Die anderen: einen gefährlichen Hype. Was steckt wirklich drin – und was bedeutet es für dich?
In Kürze:
Der Auslöser: Am 5. Februar 2026 haben OpenAI (das Unternehmen hinter ChatGPT) und Anthropic (die Firma hinter Claude, ein Konkurrent von ChatGPT) gleichzeitig neue, deutlich leistungsfähigere Modelle veröffentlicht (GPT-5.3 Codex und Claude Opus 4.6).
Shumers These: KI erledigt bereits heute komplexe Wissensarbeit selbstständig und gefährdet damit unsere Jobs. Was heute Programmierer trifft, trifft bald Anwälte, Buchhalter, Marketingverantwortliche – kurzum: alle, die hauptsächlich am Schreibtisch arbeiten.
Der Weckruf: Laut führenden KI-Experten werden in den nächsten ein bis fünf Jahren bis zu 50 Prozent aller Bürojobs auf Einstiegsniveau wegfallen – und viele halten das für eine konservative Schätzung.
Shumers Botschaft: Hör auf, KI wie eine bessere Google-Suche zu nutzen. Fang an, sie mit echter Arbeit zu füttern, bevor es andere für dich tun.
Was Shumer schreibt – und warum es so einschlägt
Shumer beginnt seinen Text mit einem Vergleich, der viele sofort verstehen: Februar 2020. Damals berichteten ein paar Leute im Internet von einem Virus in China. Die meisten haben es weggelächelt. Dann, innerhalb von drei Wochen, hat sich die ganze Welt verändert.
Seine Botschaft: Genau das passiert gerade mit KI. Wir sind im Stadium «das ist sicher übertrieben» – kurz bevor der Wandel für alle spürbar wird. Der Unterschied zu Covid: Es kommt nicht als Schock in drei Wochen, sondern schleicht sich langsam in die Arbeitswelt.
Was macht seinen Text so brisant? Shumer schildert seinen eigenen Alltag als Programmierer – und der klingt wie Science-Fiction:
Er erklärt der KI auf einfachstem Wege, was er will: eine neue App soll gebaut werden. Er beschreibt kurz, wie sie aussehen und was sie können soll – und verlässt dann seinen Schreibtisch. Vier Stunden später ist die App fertig. Nicht als grober Entwurf, sondern fertig. Getestet, funktionierend, besser als er es selbst hätte machen können.
«Ich bin für die eigentliche technische Arbeit meines Jobs nicht mehr nötig», schreibt er.
Dann folgt der Teil, der viele aufhorchen lässt: Die KI hat nicht einfach Anweisungen befolgt. Sie hat selbstständig entschieden. Die App selbst geöffnet, herumgeklickt, Dinge verbessert, die er gar nicht erwähnt hatte.
Was bedeutet das für uns? Für Menschen, die keine Software bauen, sondern Verträge prüfen, Zahlen analysieren, Kunden beraten? Shumer sagt: Die gleiche Entwicklung kommt für jeden Job, der hauptsächlich am Bildschirm stattfindet. Dario Amodei, Chef des KI-Unternehmens Anthropic (das hinter Claude, dem Konkurrenten von ChatGPT, steckt), hat öffentlich vorausgesagt: KI wird in den nächsten ein bis fünf Jahren 50 Prozent aller Bürojobs auf Einstiegsniveau überflüssig machen. Nicht irgendwann. Bald.
Der Realitäts-Check: Wo der Essay übertreibt
Shumers Text hat auch scharfe Gegenstimmen provoziert und die sind nicht von der Hand zu weisen.
Gary Marcus, Professor für Kognitionswissenschaft an der New York University, sagt: Shumer zeigt selektiv nur die Erfolge, nicht die Misserfolge. KI macht heute noch viele Fehler. Sie «halluziniert», erfindet also Fakten, die nicht existieren, und präsentiert sie völlig selbstsicher. Wer eine wichtige Entscheidung auf einer KI-Antwort aufbaut, ohne sie zu prüfen, riskiert damit etwas.
Andere Experten erinnern daran: Vor zehn Jahren hiess es, KI werde bald alle Radiologen ersetzen. Es ist nicht passiert. Vor fünf Jahren sollten selbstfahrende Autos längst überall sein. Man wartet noch. Grosse Versprechen und Realität klaffen in der Technologie oft auseinander.
Shumer selbst sagt rückblickend: Er hätte manche Teile des Essays anders formuliert. «Er sollte niemanden in Angst versetzen.»
Was Shumer sagt, was du jetzt tun sollst
In seinem Artikel listet Shumer konkrete Tipps auf, wie wir uns auf den Wandel vorbereiten können.
Erstens: Hör auf, KI wie eine Suchmaschine zu benutzen. Wer ChatGPT fragt «Was ist die Hauptstadt von Frankreich?», erlebt natürlich nichts Besonderes. Der Unterschied entsteht, wenn du die KI mit echter, schwieriger Arbeit konfrontierst. Einen langen Vertrag raufladen und fragen: «Was könnte hier problematisch für mich sein?» Einen Berg an Zahlen einfügen und fragen: «Was ist die Geschichte dahinter?» Eine heikle Situation beschreiben und fragen: «Wie formuliere ich das diplomatisch?» Die Menschen, die gerade vorankommen, suchen aktiv nach Aufgaben, die ihnen früher Stunden gekostet haben und geben sie der KI.
Zweitens: Nutze die bezahlte Version. Die kostenlose Version hinkt der bezahlten über ein Jahr hinterher. Wer KI anhand der Gratisvariante bewertet, beurteilt ein veraltetes Werkzeug. Und wichtig: In den Einstellungen das leistungsfähigste Modell auswählen – die Apps stellen oft automatisch auf eine schnellere, aber schwächere Version um.
Drittens: Trau der KI mehr zu, als du denkst. Viele unterschätzen, was sie kann. Shumer schreibt: «Geh nicht davon aus, dass etwas zu schwierig ist, probiere es einfach aus.» Erster Versuch nicht perfekt? Egal. Neu formulieren, mehr Kontext geben, nochmals versuchen. Shumer schreibt: «Wenn es heute halbwegs funktioniert, wird es in sechs Monaten fast perfekt funktionieren. Die Kurve geht nur in eine Richtung.»
Viertens: Eine Stunde pro Tag. Nicht passiv Artikel über KI lesen. Sondern sie benutzen. Täglich etwas Neues ausprobieren, etwas, bei dem man nicht sicher ist, ob es klappt. Wer das sechs Monate lang macht, versteht mehr als 99 Prozent der Menschen um einen herum. «Die Latte liegt auf dem Boden», schreibt Shumer. «Fast niemand macht das gerade.»
Shumer schliesst seinen Essay nicht mit Angst, sondern mit Aufbruch: Deine Träume sind gerade näher gerückt. Wer immer eine App bauen wollte, aber nie programmieren konnte: Der Weg dorthin ist heute offen. Wer ein Buch schreiben wollte, aber nie die Zeit fand: Möglich. Der beste Lernassistent der Welt, unendlich geduldig, rund um die Uhr verfügbar. Was du bisher aufgeschoben hast, weil es zu schwierig oder zu teuer schien, jetzt ist der Moment, es anzugehen.
Sein letzter Rat klingt fast banal, trifft aber den Kern: Gewöhne dich ans Neulernen. Nicht ein Tool meistern und damit fertig sein. Die Modelle von heute sind in einem Jahr überholt. Wer diese Fähigkeit entwickelt – schnell neue Werkzeuge aufzugreifen, Anfänger zu sein ohne Ego –, hat den einzigen wirklich dauerhaften Vorteil.
Unser Fazit
Shumer übertreibt an einigen Stellen. Aber seine Kernbotschaft stimmt: KI ist dabei, unsere gewohnte Welt auf den Kopf zu stellen. Der grösste Vorteil, den man gerade haben kann, ist schlicht früh dran zu sein. Nicht in fünf Jahren. Heute. Denn wer heute mit KI als Sparring Partner arbeitet, wird es auch dann können, wenn wir dazu gezwungen sind, es zu tun.
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