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Euria: Was kann der neue Schweizer KI-Assistent?

  • Nik Thomi
  • 15. Dez. 2025
  • 3 Min. Lesezeit

Aktualisiert: 16. Dez. 2025

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Bild: Infomaniak


Mit Euria bringt der Schweizer Cloud- und Hosting-Anbieter Infomaniak einen kostenlosen (Anfragen begrenzt) KI-Assistenten auf den Markt, der einen bewussten Gegenentwurf zu den dominanten US- und chinesischen KI-Anbietern darstellt. Wichtig gleich zu Beginn: Euria ist kein eigenes, neu trainiertes Sprachmodell wie ChatGPT oder Gemini. Es ist eine KI-Plattform, die mehrere bestehende Open-Source*-Sprachmodelle bündelt, kontrolliert lokal betreibt und vollständig in der Schweiz ausführt. Der Anspruch ist klar: mehr Unabhängigkeit, mehr Datenschutz, mehr Transparenz und weniger Abhängigkeit von Tech-Giganten.

 

* Open-Source bedeutet: Der Code der zugrunde liegenden Modelle ist öffentlich zugänglich und die Modelle können lokal betrieben werden. Infomaniak betont damit bewusst eine Abgrenzung zu proprietären KI-Systemen wie ChatGPT, bei denen weder Trainingsdaten noch innere Funktionsweise transparent sind.

 

 

Was macht Euria besonders?

Euria (Ethical, Universal, Responsible, Independent and Autonomous AI) wird ausschliesslich in den eigenen Rechenzentren von Infomaniak in der Schweiz betrieben. Laut Anbieter verlassen die Daten zu keinem Zeitpunkt das Land und werden nicht für das Training von KI-Modellen verwendet.


Für besonders sensible Inhalte bietet Euria einen sogenannten flüchtigen Modus: Unterhaltungen werden dabei nicht gespeichert und sind auch für Infomaniak nicht rekonstruierbar. Das richtet sich explizit an Anwendungsfälle wie vertrauliche Dokumente, interne Analysen oder sensible Besprechungsnotizen. Das Versprechen von Infomaniak:

  • Ein Arzt kann klinische Berichte umformulieren, ohne Angst vor Datenlecks haben zu müssen.

  • Ein Anwalt kann ein vertrauliches juristisches Dokument gegenlesen lassen.

  • Eine Behörde kann Berichte erstellen, ohne sich um Offenlegung sorgen zu müssen.

  • Ein Forscher kann seine Quelldateien hochladen, ohne befürchten zu müssen, dass sie von der KI weiterverwendet werden.

  • Aufgezeichnete Meetings können vertraulich transkribiert werden.

 

Der Betrieb erfolgt mit erneuerbarem Strom. Die entstehende Abwärme wird in Genf in das Fernwärmenetz eingespeist.


Was kann Euria im Alltag?

Euria deckt die typischen Anwendungsfälle eines Büro-Assistenten ab:

  • Texte schreiben, überarbeiten und zusammenfassen

  • Audio transkribieren

  • Bilder analysieren

  • PDF-, Word- und Excel-Dokumente interpretieren

  • Webrecherchen durchführen

Ein interessantes Detail: Euria entscheidet selbst, ob eine Websuche nötig ist. Ist sie es nicht, antwortet das System direkt – schneller und mit geringerem Energieverbrauch.

Für viele KMU-Aufgaben ist dieser Funktionsumfang ausreichend und praxisnah.

 

Welche Sprachmodelle stecken hinter Euria?

Infomaniak selbst legt den Fokus klar auf Betrieb, Datenschutz und Ethik – nennt die konkreten Basismodelle jedoch nicht offensiv. Laut externer Berichterstattung basiert Euria unter anderem auf den Sprachmodellen:

  • Qwen (Alibaba, China)

  • Mistral (europäisches Open-Source-Modell)

Diese Architektur ermöglicht den vollständigen Betrieb in der Schweiz. Gleichzeitig übernimmt Euria damit auch Eigenschaften und Einschränkungen dieser Modelle.

 

Der kritische Punkt: Unabhängig betrieben ≠ inhaltlich unabhängig

So überzeugend Infrastruktur, Datenschutz und Nachhaltigkeit sind, hier beginnt die eigentliche Diskussion.


In Tests zeigt sich: Euria verweigert Antworten auf bestimmte politisch sensible Themen.

Eine einfache historische Frage zu den chinesischen Studentenprotesten 1989 wird beispielsweise blockiert.


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Das ist kein Datenschutzproblem. Und es ist kein technischer Fehler.

Es ist eine inhaltliche Einschränkung, die mutmasslich direkt aus dem zugrunde liegenden chinesischen Sprachmodell Qwen stammt.


Damit entsteht ein Spannungsfeld:

  • Die Daten bleiben in der Schweiz

  • Die Infrastruktur ist unabhängig

  • Die inhaltliche Perspektive ist es nicht vollständig


Gerade weil Infomaniak Euria als unabhängigen KI-Assistenten positioniert, ist dieser Punkt zentral. Für Nutzerinnen und Nutzer ist nicht nur entscheidend, wo die Daten liegen, sondern auch welche Fragen überhaupt beantwortet werden dürfen – und welche stillschweigend ausgefiltert werden. Immerhin: Wenn man Euria nach dem zugrundeliegenden Sprachmodell befragt, wird Qwen als Basismodell genannt.

 

Die Transparenz-Frage

Hier ist Kritik angebracht:


Wer Unabhängigkeit verspricht, sollte offenlegen, auf welchen Modellen diese Unabhängigkeit basiert.


Solange nicht klar kommuniziert wird, welche Modelle in welchen Kontexten eingesetzt werden, bleibt für Unternehmen unklar, wo inhaltliche Grenzen verlaufen und ob weitere Themen ebenfalls know-how-seitig eingeschränkt sind.


Für einfache Büroaufgaben mag das irrelevant sein. Für Analyse, Recherche, Strategie oder gesellschaftliche Einordnung ist es das nicht.

 

Fazit

Euria ist technisch sauber, ökologisch konsequent und organisatorisch attraktiv. Als Lösung für Unternehmen, die KI einsetzen wollen, ohne Datenhoheit aufzugeben, ist das Angebot stark.


Aber:

Sicherheit beim Betrieb bedeutet nicht automatisch Freiheit beim Inhalt.


Wer Euria nutzt, gewinnt Kontrolle über die eigenen Daten, muss aber akzeptieren, dass gewisse Themen nicht verhandelbar sind, sondern systematisch ausgefiltert werden.

Im operativen Arbeitsalltag dürfte das selten ins Gewicht fallen. Ob man diese inhaltlichen Grenzen akzeptiert, ist weniger eine technische als eine ethische Entscheidung.

 

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