Wie mich Claude Code in eine neue Sucht getrieben hat
- Nik Thomi
- vor 4 Tagen
- 3 Min. Lesezeit

Bild: ChatGPT
Alles begann mit einem Instagram-Reel und der Erkenntnis, dass ich ungefähr so viel Programmiererfahrung habe wie ein Goldfisch. Ein paar Wochen später hatte ich mehrere funktionierende Apps gebaut, ohne selbst auch nur eine einzige Zeile Code geschrieben zu haben. Das hat mein Bild von KI komplett verändert.
In Kürze:
Mit einem KI-Coding-Agenten (einem KI-Programm, das selbst Code schreibt) wie Claude Code oder OpenAIs Codex baust du kleine Programme, ganz ohne Programmierkenntnisse.
Du beschreibst deine Idee in Alltagssprache. Die KI schreibt den Code und führt dich Schritt für Schritt durch den gesamten Prozess.
Die Eintrittshürde ist praktisch weg. Für grosse Software braucht es weiterhin Fachwissen, für kleinen Alltagskram reicht eine Idee. Und Vorsicht: Es macht süchtig.
Voraussetzung ist bei Claude mindestens ein Pro-Account, Codex ist mit einem sehr begrenzten Nutzungslimit auch im Gratis-Account von ChatGPT enthalten.
PDF rein, App raus, Blut geleckt
Am Anfang stand ein Tech-Tipp auf Instagram: PDFs solle man nicht direkt an eine KI schicken, weil sie das Dokument zuerst in ein einfaches Textformat umwandelt und dabei bereits einen Teil des verfügbaren Nutzungslimits verbraucht, noch bevor die eigentliche Aufgabe angegangen wurde. Der Influencer empfahl eine kostenlose Microsoft-Technologie und redete von Terminal, Entwicklerumgebung und Installationen. Nach etwa zwölf Sekunden hatte ich geistig abgeschaltet. Meine bis dahin grösste IT-Leistung war eine HTML-Seite Ende der Neunziger, als blinkende GIFs und Besucherzähler noch als guter Stil galten.
Also fragte ich Claude, wie ich PDFs umwandle. Die Antwort war sinngemäss: «Bau doch einfach eine App.» Ach so. Eine App. Als hätte ich mein Leben lang darauf gewartet. Ich schrieb zurück, dass ich das noch nie gemacht habe, und Claude meinte nur: «Kein Problem, ich zeige dir alles.» Es holte sich die nötige Technologie selbst von der Entwicklerplattform GitHub und sagte mir bei jedem Handgriff, wo ich klicken musste. Eine Viertelstunde später lief mein erstes Programm: PDF hinein, Textdatei heraus. Im ersten Moment war ich komplett baff. Im zweiten fragte ich mich: «Moment, was geht denn wohl sonst noch alles?».
Damit hatte ich Blut geleckt. Plötzlich sah ich überall Problemchen und Arbeitsabläufe, die nach einer eigenen Lösung riefen. Eine Web-App, die während der Fussball-WM täglich Spiele vorhersagte, samt Datenbank-Anbindung und Veröffentlichung im Netz. Eine Seite mit der Einschlafmusik meiner Kinder, endlich an einem Ort statt verstreut auf drei Handys. Eine kleine App, die in Sekundenschnelle Bild-Dateiformate konvertieren kann. Und jedesmal, wenn ich überzeugt war, dass meine Wünsche Claude jetzt garantiert überfordern, wurde ich eines Besseren belehrt. Irgendwann wurde ich grössenwahnsinnig und baute an einem ganzen Event-System mit Anmeldung, QR-Codes, Scanner-App und Bestätigungsmails, einfach weil mir die Ideen nicht mehr ausgingen.
Zustimmen, warten, wiederholen
Der Ablauf des Programmierens ist erstaunlich simpel. Du schreibst eine Anweisung, die KI überlegt und werkelt, dann fragt sie brav um Zustimmung, du klickst, und alles beginnt von vorn. Während der WM lief bei mir links das Spiel, rechts programmierte Claude, und ich sass dazwischen und klickte alle paar Minuten auf «Zustimmen». Ich testete das Ergebnis, nahm Änderungen vor, fügte einen Button hinzu, änderte Design und Farben, erweiterte die App um eine neue Funktion oder änderte die Benutzerführung. Alles mit einfachen Anweisungen. Sobald ich unsicher war, machte ich einfach einen Screenshot. Claude schaute ihn an und sagte: «Genau. Jetzt klickst du dort.» Oder: «Nein, du bist im falschen Menü.»
Für kleine, klar umrissene Anwendungen funktioniert das verblüffend gut. Ein echtes Produkt mit sensiblen Daten und vielen Nutzern zu bauen ist natürlich eine andere Liga und verlangt weiterhin richtiges Fachwissen. Die KI nimmt dir das Programmieren ab, nicht aber die Verantwortung dafür, dass am Ende alles sicher läuft. Und früher oder später bremst dich sowieso die Meldung «Nutzungslimit erreicht, versuch es in drei Stunden erneut». Auch wenn das nervt: Wenigstens gibt es dir die Möglichkeit, dich mal wieder von Claude Code loszureissen.
Fazit
Bilder, Texte und Videos aus der KI hatten mich schon beeindruckt, aber das hier war anders. Zum ersten Mal habe ich mit KI nicht nur Inhalte produziert, sondern Werkzeuge gebaut, die mir jeden Arbeitstag Zeit sparen. Für eine kleine Alltags-App brauchst du heute vor allem drei Dinge: eine Idee, Zeit und einen KI-Coding-Agenten. Ist das jetzt ein Gamechanger oder nur ein Spielzeug für Leute mit zu viel Freizeit? Für mich eindeutig Ersteres. Seit Claude Code ertappe ich mich ständig dabei, wie ich kleine Alltagsprobleme anschaue und denke: «Dafür könnte ich eigentlich eine App bauen.» Genau das ist für mich die eigentliche Revolution.
Zwei Dinge habe ich in den letzten Wochen gelernt:
Ich werde meinen Kindern wogl nicht mehr empfehlen, Programmiererin oder Programmier zu werden.
Eine App zu bauen ist heute erstaunlich einfach. Mit dem Aufhören wird es deutlich schwieriger.
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